Gerade in der Comunidad Valenciana sind Starkregen, Überschwemmungen, Hitze, Waldbrände und zeitweise Ausfälle der Infrastruktur keine rein theoretischen Szenarien. Hinzu kam im April 2025 der großflächige Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel.

Doch muss man sich tatsächlich auf jedes denkbare Krisenszenario einzeln vorbereiten?

Für Herbert Saurugg, internationalen Blackout- und Krisenvorsorgeexperten, ist eine andere Frage wichtiger: Welche Folgen muss ich überbrücken können, wenn gewohnte Systeme plötzlich nicht mehr funktionieren?

Der Kern des Gesprächs

Vorsorge beginnt vor der Krise. Entscheidend ist weniger, jedes Szenario vorherzusagen, sondern bei Ausfällen von Strom, Kommunikation, Mobilität oder Versorgung für eine begrenzte Zeit handlungsfähig zu bleiben.

Das Klartext-Gespräch

Daniela Schlicht spricht mit Herbert Saurugg über Blackout, Resilienz und praktische Krisenvorsorge – mit konkretem Bezug zur Comunidad Valenciana.

Im Gespräch: Herbert Saurugg · Gesprächsführung: Daniela Schlicht · Valencia Klartext

Vorsorge beginnt vor der Krise

Für Herbert Saurugg bedeutet Resilienz nicht nur Widerstandsfähigkeit. Dazu gehören auch Lern- und Anpassungsfähigkeit. Der Sinn von Vorsorge besteht deshalb nicht darin, sich ständig mit möglichen Katastrophen zu beschäftigen. Wer grundlegende Dinge vorbereitet hat, kann das Thema anschließend auch wieder beiseitelegen – mit dem Wissen, im Ernstfall nicht völlig unvorbereitet zu sein.

Ein Ereignis wird vor allem dann zur Krise, wenn die eigene Bewältigungsfähigkeit nicht mehr ausreicht.

Je besser Haushalte selbst einige Zeit überbrücken können, desto weniger geraten sie unmittelbar unter Druck. Gleichzeitig werden organisierte Hilfsstrukturen entlastet und können sich stärker um Menschen kümmern, die tatsächlich auf Unterstützung angewiesen sind.

Muss ich wissen, welche Krise kommt?

Nicht unbedingt. Ob ein längerer Stromausfall durch ein technisches Problem, ein Unwetter oder ein anderes Ereignis ausgelöst wird, verändert für einen Haushalt zunächst wenig an den unmittelbaren Folgen.

Ausfallen oder eingeschränkt sein können beispielsweise:

  • Strom
  • Mobilfunk und Internet
  • elektronische Zahlungen
  • Wasserversorgung
  • Einkaufsmöglichkeiten
  • Verkehr und Mobilität
  • Kommunikation mit Angehörigen

Herbert Saurugg empfiehlt deshalb, eine Grundvorsorge für mögliche Folgen aufzubauen und anschließend besondere Risiken des eigenen Wohnorts zusätzlich mitzudenken.

72 Stunden oder 10 bis 14 Tage?

Hier muss zwischen offizieller Mindestvorsorge und der fachlichen Empfehlung des Gesprächsgasts unterschieden werden.

Die EU-Kommission hat im März 2025 ihre Preparedness Union Strategy vorgestellt. Zu den vorgesehenen Maßnahmen gehört, die Bevölkerung zu ermutigen, im Notfall wesentliche Vorräte für mindestens 72 Stunden bereitzuhalten.

Herbert Saurugg empfiehlt als Ziel eine deutlich längere Überbrückungsfähigkeit von etwa 10 bis 14 Tagen. Seine Begründung: Bei einem größeren Ereignis kann die eigentliche Störung bereits vorbei sein, während Versorgung, Logistik oder Kommunikation noch länger eingeschränkt bleiben.

Beim Stromausfall vom 28. April 2025 wurde die Stromversorgung zwar relativ schnell wiederhergestellt: Red Eléctrica berichtet, dass am 29. April um 7 Uhr bereits 99,95 Prozent der Nachfrage wieder versorgt waren. Das Ereignis zeigt dennoch, wie großflächig zentrale Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit ausfallen kann.

01 Mit Trinkwasser anfangen

Wenn nach diesem Gespräch nur eine Sache umgesetzt werden soll, setzt Herbert Saurugg Trinkwasser an die erste Stelle.

Als sehr einfache Mindestreserve nennt der Krisenvorsorgeexperte zunächst einen Sechserträger Mineralwasser pro Person. Wer Platz hat oder weiß, dass am eigenen Wohnort bei einem Stromausfall auch die Wasserversorgung problematisch werden kann, sollte entsprechend weiterdenken.

Der Grundgedanke ist bewusst einfach: Erst eine belastbare Basis schaffen, bevor man kompliziertere technische Lösungen kauft.

02 Medikamente und Lebensmittel prüfen

Danach folgen Medikamente, Erste Hilfe und Lebensmittel. Wer regelmäßig Medikamente benötigt, sollte überlegen, welche Reserve praktisch möglich ist und dies gegebenenfalls mit Arzt oder Ärztin besprechen.

Bei Lebensmitteln lohnt sich zunächst eine Bestandsaufnahme: Wie lange würde das reichen, was ohnehin zu Hause ist? Danach können haltbare Lebensmittel ergänzt werden. Sinnvoll sind auch Vorräte, die zumindest für die erste Zeit ohne Kochen auskommen.

03 Licht und Information: Taschenlampe und Radio

Für Licht empfiehlt Herbert Saurugg Taschenlampen. Kerzen sollten wegen des zusätzlichen Brandrisikos möglichst nicht die erste Lösung sein. Auch bei Campingkochern und anderen alternativen Kochmöglichkeiten muss Brandschutz mitgedacht werden.

Aus eigener Erfahrung

Der Blackout 2025: Warum ein Batterieradio so wertvoll war

Beim großen Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel habe ich selbst erlebt, wie unangenehm fehlende Information sein kann. Mobilfunk und Internet funktionierten zeitweise nicht richtig und zunächst wusste ich schlicht nicht: Was ist passiert? Wie groß ist das Problem? Wie lange könnte es dauern?

Zum Glück hatte ich ein Batterieradio. Darüber fand ich einen Sender, der über die Lage berichtete. Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Für mich war es in diesem Moment aber enorm wichtig. Information gibt Orientierung – und Orientierung nimmt Unsicherheit. Genau deshalb gehört ein Radio inzwischen für mich ganz selbstverständlich zur Krisenvorsorge.

04 Bargeld kann plötzlich wieder wichtig werden

Auch Bargeld gehört für den Blackout- und Krisenvorsorgeexperten zur Grundvorsorge. Wenn elektronische Zahlungssysteme ausfallen oder nach einem Stromausfall nicht sofort wieder vollständig funktionieren, kann Bargeld vorübergehend entscheidend sein. Sinnvoll sind dabei auch kleinere Scheine und Münzen.

Das habe ich auch nach der DANA 2024 hier in der Region erlebt: Vor einem Supermarkt wurde darauf hingewiesen, dass nur Bargeld angenommen wurde.

05 Notfallrucksack: sinnvoll, aber nicht der Kern der Vorsorge

Ein fertig gepackter Rucksack kann hilfreich sein, wenn man Haus oder Wohnung kurzfristig verlassen muss – beispielsweise wegen eines Brandes oder einer Evakuierung. Darin können je nach persönlicher Situation unter anderem Wasser, Verpflegung, notwendige Medikamente, Taschenlampe, wichtige Dokumente, Witterungsschutz und geeignetes Schuhwerk sinnvoll sein.

Herbert Saurugg macht aber deutlich: Ein Notfallrucksack ersetzt keine Krisenvorsorge. Entscheidend ist nicht, möglichst viel Spezialausrüstung zu besitzen, sondern vorher zu überlegen, welche Situationen am eigenen Wohnort realistisch sind und was man dafür tatsächlich braucht.

06 Hochwasser und Waldbrand: Der Wohnort entscheidet mit

Eine allgemeine Grundvorsorge ist nur die erste Ebene. In der Comunidad Valenciana müssen zusätzlich regionale Risiken berücksichtigt werden. Wer in einem überschwemmungsgefährdeten Gebiet lebt, muss andere Entscheidungen treffen als jemand, dessen Haus in der Nähe eines waldbrandgefährdeten Gebiets liegt.

Das betrifft beispielsweise die Frage, wo Vorräte, Dokumente oder wichtige Gegenstände gelagert werden. Ein Vorrat im Keller hilft wenig, wenn gerade dieser Bereich überflutet wird.

Auch beim Immobilienkauf sollte das Thema früher mitgedacht werden: Liegt das Haus in einer bekannten Überflutungszone? Wie sieht das Waldbrandrisiko aus? Welche Zufahrtswege gibt es? Herbert Saurugg weist im Gespräch darauf hin, dass ein vermeintlich günstiger Standort durch solche Risiken später sehr teuer werden kann.

Aus eigener Erfahrung

Nach der DANA 2024: Vorsorge verändert, wie man mit einer Krise umgeht

Nach der DANA im Oktober 2024 habe ich selbst erlebt, wie schnell ein funktionierender Alltag zusammenbrechen kann. In meinem Umfeld waren Straßen und Brücken teilweise nicht mehr passierbar. Vor Supermärkten bildeten sich lange Schlangen. Die Versorgung wurde schwieriger und auch die Kommunikation funktionierte zeitweise nicht.

Ich hatte Wasser und Lebensmittel zu Hause und musste deshalb nicht sofort losfahren und versuchen, noch etwas zu bekommen. Das Ereignis war dadurch natürlich nicht weniger ernst. Aber ich konnte deutlich ruhiger damit umgehen. Ich musste nicht zusätzlich überlegen: Bekomme ich heute noch Wasser? Gibt es noch Lebensmittel? Wie komme ich überhaupt zum nächsten Geschäft?

Für mich ist genau das einer der wichtigsten Effekte von Vorsorge: Sie verhindert die Krise nicht. Aber sie verändert, wie man selbst mit ihr umgehen kann.

07 Nachbarschaft ist ebenfalls Vorsorge

Was mir nach der DANA besonders in Erinnerung geblieben ist, war etwas ganz anderes als Wasser oder Lebensmittel. Nachbarn gingen von Haus zu Haus und fragten: Ist alles in Ordnung? Brauchst du Hilfe?

Später wurden Fahrten und Einkäufe gemeinsam organisiert. Einer fuhr beispielsweise los und brachte Brot für mehrere Haushalte mit. Danach entstand bei uns auch eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe, damit wir uns künftig schneller austauschen können.

Herbert Saurugg sieht genau solche lokalen Netzwerke als wichtigen Teil von Resilienz. Krisenvorsorge bedeutet nicht, sich mit eigenen Vorräten abzuschotten. Je besser eine Nachbarschaft bereits vorher funktioniert, desto leichter kann sie in einer schwierigen Situation Ressourcen, Informationen und Hilfe teilen.

08 Einen Familienplan vereinbaren

Ein weiterer Punkt kostet fast nichts: vorher miteinander sprechen. Was passiert, wenn Strom und Mobilfunk ausfallen und Familienmitglieder gerade an unterschiedlichen Orten sind?

  • Wo treffen wir uns?
  • Wie kommen wir nach Hause?
  • Was passiert, wenn übliche Verkehrsmittel nicht funktionieren?
  • Was sollte unterwegs grundsätzlich dabei sein?
  • Wer kümmert sich gegebenenfalls um andere Familienmitglieder?

Solche Fragen wirken banal – bis man sich in einer Situation nicht mehr telefonisch abstimmen kann.

Was sollte man heute als Erstes tun?

Krisenvorsorge muss nicht mit einer langen Einkaufsliste beginnen. Wer bisher nichts vorbereitet hat, kann nach der Empfehlung von Herbert Saurugg sehr einfach starten:

Trinkwasser prüfen. Danach Medikamente, Erste Hilfe und Lebensmittel.

Technische Ausrüstung kann anschließend Schritt für Schritt ergänzt werden.

Die wichtigste Botschaft dieses Gesprächs ist deshalb nicht, Angst vor der nächsten Krise zu haben: Nicht jedes Risiko lässt sich verhindern. Aber wer weiß, worauf es ankommt, ist besser vorbereitet.

Einordnung & Quellen

Dieser Beitrag basiert auf dem Klartext-Gespräch mit Herbert Saurugg. Die Empfehlung einer Überbrückungsfähigkeit von etwa 10 bis 14 Tagen gibt seine fachliche Einschätzung wieder.

Hinweis: Valencia Klartext bietet allgemeine redaktionelle Orientierung und keine individuelle Sicherheits-, Gesundheits- oder Katastrophenschutzberatung.